Der Sammler-Zyklus
4 Der Hexer
Von Frank Olschewski
Alle Rechte vorbehalten.
(Entwurf)
Kapitel 8: Flucht aus dem Krankenhaus
Die Tür zum Krankenzimmer vom Roten Hugo wurde aufgestoßen und der Hauptman trat ein. Der Hauptman, der ihn so schmerzvoll verhört hatte und seinen Namen nicht nennen wollte.
Gemessenen Schrittes bewegte er sich zum Fußende des einzigen Bettes im Zimmer und legte seine eleganten schmalen Finger um die glänzende Metallstange am Bett.
Der Rote Hugo schaute seinem Besucher ins Gesicht, die Glatten Züge ließen niemanden in seinen Zügen lesen. Desto mehr viel es dem Roten auf, als der Hauptmann beim Blinzeln das linke Augenlied eine Idee länger geschlossen hielt. Er verglich die Augen und meinte einen Unterschied zu erkennen, den er nicht genau benennen konnte. Oder war es nur, dass das linke Auge im Künstlichen Licht etwas mehr glänzte als das Rechte?
Hugo viel auf, dass noch keiner etwas gesagt hatte, also schmiss er seinem Besucher ein unfreundliches „Was gibt’s?“ entgegen.
„Ich war gerade in der Nähe, da habe ich mich bei Ihrem Arzt nach Ihrem Zustand erkundigt und wollte die Gelegenheit nutzen um sie über die aktuelle Entwicklung auf dem Laufenden zu halten.“ Der Hauptmann strich sich über seine Stoppelfrisur. Der Rote Hugo schätzte, dass die Haare auf den Millimeter die gleiche Länge hatte, wie bei ihrer letzten Begegnung.
„Wurde der Junge inzwischen gefunden?“ Fragte Hugo und fuhr die Rückenlehne seines Bettes in eine halb aufrechte Position hoch.
„Nein, mitnichten.“ Der Hauptman schaute zum Fenster. In weiter Ferne war der die Stadt umgebene Wald in einem milchigem Blau zu erkennen. „In der Sicherheit gibt es viele Abteilungen und mitunter überschneiden sich die Interessen der einzelnen Abteilungen. Genau dieses ist gerade passiert.“ Er schaute wieder den Roten Hugo an. „Da diese Information bereits in Kürze durch die Nachrichten verbreitet werden wird, kann ich sie Ihnen auch bereits jetzt geben: Die Sicherheit hat eine großangelegten Schlag gegen den Wiederstand begonnen. Zuerst wird der Wald um die Stadt herum gesäubert, danach das Hafengebiet.“
Verwundert fuhr Hugo in seinem Krankenbett hoch. Er hatte fast sein gesamtes Leben im Hafengebiet verbracht und sah es als sein Zuhause an. „Was meinen Sie damit: Das Hafengebiet säubern?“
„Einzelheiten werden Sie von mir nicht erfahren.“ Der Hauptman überlegte kurz. „Meine Abteilung hat nichts mit den Säuberungen zu tun. Allerdings wird diese Entwicklung unsere Suche nach dem Jungen sicherlich erschweren. Es besteht sogar die Gefahr, dass der Junge während der Säuberungen ums Leben kommt.“ Er stockte erneut kurz. „Wobei es allerdings auch einige Argumente gibt, die dagegen sprächen.“
„Wie meinen Sie das“, hakte der Rote nach.
„Unwichtig.“ Der Hauptmann machte eine Wegwischende Handbewegung. „Ich habe heute die ersten Einheiten ausgesandt um nach den Jungen zu suchen. Sehen Sie zu, dass Sie möglichst schnell auf die Beine kommen, sonst haben Sie Ihre Nützlichkeit für mich verloren.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte sich der Hauptmann um und verließ das Krankenzimmer.
„Verdammte Sicherheit!“ Der Rote Hugo war kein Man für Teamarbeit, bisher hatte er noch alle Aufträge alleine erledigt. Er hatte schon Leute eingefangen, an denen sich ganze Kompanien der Sicherheit die Zähne ausgebissen hatten. Doch jetzt sah er seine Felle davon schwimmen. Wenn die Sicherheit mehr als eine Woche Vorsprung hatte um den Jungen zu suchen, bestand die Gefahr, dass sie ihn, wenn auch nur zufällig, zuerst finden. Dann würde er das Kopfgeld nicht einstreichen können und der Deal mit dem geleckten Hauptmann würde platzen. Nein, Angst vor einer Bestrafung hatte er nicht. Mit gesunden Knien würde ihn die Sicherheit niemals aufgreifen können. Er hatte Mittel und Wege sich unsichtbar zu machen, sowas lernt man schließlich in seinem Beruf. Aber er brauchte das Kopfgeld. Wenn seine Lizenz eingezogen wird, kann er niemals wieder ein Kopfgeld kassieren, also musste er diesen letzten Auftrag erledigen um sich ein finanzielles Polster für den Ruhestand zu schaffen. Hugo fasste einen Entschluss. In dieser Nacht würde er aus dem Krankenhaus ausbrechen.
„Mist!“, Hugo schreckte hoch und riss die Augen auf. Nun war er doch eingeschlafen. Die Leuchtziffern auf den Armaturen über seinem Bett zeigten, dass es kurz nach ein Uhr morgens war. Vorsichtig schob er seine Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Er hatte sich nur einen groben Plan zurecht gelegt. Hugo wollte die Wachen vor seinem Zimmer außer Gefecht setzen und abhauen. Unter seinem hinten offenen Krankenhemd trug er sein T-Shirt und einen Schlüpfer, mehr konnte er nicht anziehen, sonst würde die Wachen Verdacht schöpfen. Er ging zum Kleiderschrank und band sich seine Armbanduhr um. Sorgfältig schob er den Ärmel darüber um sie zu verdecken. Dann nahm er seine Brieftasche aus seiner Jacke. Neben Ausweis und Papieren steckte dort noch eine komfortable Menge Geld drinnen. Die Kopfgeldjagt kann ein erträgliches Geschäft sein, wenn man so gut ist, wie der rote Hugo. Er wollte sich gerade die Brieftasche hinten in den Schlüpfer stecken, als er sich an das unangenehme Erlebnis mit dem Pfleger vor seiner Operation erinnerte und in der Bewegung stockte. Nein, an seinen Hintern würde er so schnell niemanden mehr lassen. Also verstaute er die Brieftasche vorne in der Hose.
Steifbeinig ging er zur Tür, senkte den Kopf und täusche Müdigkeit vor. Vorsichtig öffnete er die Tür, ihm war klar, dass die Wachen vor der Tür standen und es keine Chance gab, dass sie ihre Aufgabe nicht ernst nahmen und gar eingeschlafen waren. In dem Moment, als er den Kopf nach draußen streckte schaute er bereits in die Mündungen von zwei Waffen.
„Wo soll‘s denn hin gehen, roter, so spät in der Nacht?“ Fragte die linke Wache in einem nur schlecht gelungenen Flüstern.
„Ich muss pissen. Was dagegen?“ Entgegnete Hugo und versuchte dabei müde zu klingen. Die Wachen schienen aber keinen Verdacht zu schöpfen, seine Stimme klang wohl rau und belebt genug.
Die linke Wache stieß ihm mit seiner Waffe in die Seite und schob ihn damit den Gang nach rechts in Richtung der Toiletten.
Hugo stakste mit seinen Beinschienen unbeholfen den Gang entlang. Er stützte sich dabei mit einer Hand an der Wand ab. Das war noch nicht einmal gespielt, das Laufen ohne Gehhilfen fiel ihm noch immer ziemlich schwer.
Sie bogen um die Ecke und Hugo öffnete die Tür zum Toiletten-Raum. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sich der Wachmann neben die Tür stellen wollte um draußen zu warten. Das passte nicht in seinen Plan. „Hey, du musst nicht mit rein“, sagte er und drehte sich zum Wachmann um, „ich kann meinen Schwanz schon alleine halten.“
Die Wache blieb stehen und lächelte Hugo provozieren an. „Kannst wohl nicht pinkeln, wenn jemand zuschaut?“
„Ja und?“, stieß Hugo hervor und tat eingeschnappt. „Bleib einfach hier draußen und wir haben keine Probleme.“ Das schien noch nicht zu reichen, der Wachmann machte noch keine Anstalten ihm zu folgen. „Zumal, wenn du siehst, was ich zwischen den Beinen habe, bekommst du noch Minderwertigkeitskomplexe.“ Hugo sah, wie die Wache verärgert das Gesicht verzog. Ein wenig noch. „Vielleicht sollte ich mal deine Frau besuchen und ihr zeigen, wie ein richtiger Mann so aussieht und wie es sich anfühlt, wenn sie etwas…“
Hugo bekam einen heftigen Stoß in den Rücken. Der Wachmann schaute ihn wütend an. Er hielt noch immer seine Waffe in der Hand. „Nun geh schon rein, du Pisser. Ich habe meine Befehle. Im den Toiletten sind unvergitterte Fenster, ich muss also mit rein.“
Hugo lächelte innerlich. Tat aber so, als würde ihn der Stoß aus dem Gleichgewicht bringen, ging schwankend noch zwei Schritte vorwärts und fiel bäuchlings auf die harten Fliesen. „Aua“, Stöhnte Hugo auf. „Scheiß Beinschienen.“ Das war leicht, dachte sich Hugo.
Der Kopfgeldjäger drehte sich mühevoll auf den Rücken und stöhnte dabei absichtlich laut. Hinter dem Wachmann fiel die Tür zu. „Hey, nun steh nicht so dumm rum. Hilf mir auf!“ Hugo streckte seinen rechten Arm hoch.
Der Wachmann ging grinsend auf Hugo zu und holte mit seinem rechten Arm aus um ihm mit seiner Waffe die hochgestreckte Hand wegzuschlagen. Aber darauf hatte Hugo spekuliert. Kurz bevor er seine ausgestreckte Hand traf, griff Hugo blitzschnell mit links an das Handgelenk der Waffenhand des Wächters. In einer schnellen Bewegung drehte er den Arm des Wächters und rutschte dabei auf dem Boden im Kreis. Es Knackte hörbar im Gelenk seines entsetzten Opfers, der mit großen Augen zusah, wie sich seine Hand unnatürlich weit verdrehte und die Waffen den kraftlosen Fingern entglitt. Dann kam der Schmerz und er stöhnte schmerzvoll auf. Mit seiner freien Linken versuchte er den Arm des roten Hugo zu packen, aber bevor er etwas ausrichten konnte trat ihn dieser mit aller Kraft zwischen die Beine. Die Wache sackte auf die Knie und griff sich mit seiner linken an die schmerzende Stelle zwischen seinen Beinen. Plötzlich gab Hugo die rechte Hand des Wächters frei. Dieser schaute erstaunt zu Hugo nach vorne und sah, wie zwei Hände auf seinen Kopf zurasten. Bevor er sich entscheiden konnte, wie er reagieren sollte umfasste Hugo ihn am Hinterkopf. Der Wachmann war etwas erstaunt, da er einen Schlag erwartet hatte. Mit einem plötzlichen Ruck zog Hugo den Kopf der Wache zu sich. Die Wache kippte nach vorne. Seine linke Hand klemmte zwischen seinen Beinen fest und die Rechte knickte sofort ein, als er sich auf seiner gebrochenen nur schlaff am Unterarm herabhängenden Hand abstützen wollte. So hatte es Hugo leicht den Kopf des Wachmanns neben sich auf die Fliesen zu schlagen. Ein kurzes Zucken ging durch den Körper der überwältigten Wache, dann sackte er mit einem langen Ausatmen auf Hugo zusammen.
Erschöpft ließ Hugo den Kopf zurück sinken. Schmerz pochte in seinem rechten Knie, der Tritt in die Weichteile des Wächters hatte seinem frisch operierten Knie gar nicht gut getan. Zu allem Übel lag der Wachmann auch noch auf seinen Beinen.
Mühsam zog sich Hugo am Waschbecken auf die Beine. Vor Aufregung musste er jetzt wirklich. Während er pinkelte beobachtete er den bewusstlosen Wächter, dessen Brustkorb sich langsam hob uns sank. Blut sickerte aus einer kleinen Platzwunde an der Stirn, die schon merklich dicker wurde und sich rot und blau verfärbte.
Er lebt noch, das ist gut. Dachte sich Hugo. Hätte er den Wächter getötet, würde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und seine Lizenz eingezogen. Er musste jetzt nur noch sicher stellen, dass der Hauptmann weiß, dass er sich an seine Vereinbarung halten und den Jungen suchen würde. Also steckte er seinen Zeigefinger in das Blut des Wachmanns und schrieb „Ich arbeite alleine. R.H.“ auf den Spiegel. Zuletzt ließ er die Waffe des Wachmanns in die Toilette plumpsen und spülte absichtlich nicht.
Zufrieden stakste Hugo aus der Toilette heraus und ging den Flur entlang auf der Suche nach einem Fahrstuhl in die Freiheit. Dabei nahm er die Richtung, die von seinem Zimmer und dem zweiten Wachmann weg führte.
Nach einer weiteren Biegung im Gang gelangte er zu den Fahrstühlen. Er drückte auf den Schalter und bestieg nach kurzer Zeit den Fahrstuhl, der klingelnd ankam. Er drückte auf den Knopf für den Erdgeschoss und es ging mit einem Rucken nach unten.
Als sich im Erdgeschoss die Türen klingelnd öffneten schaute Hugo vorsichtig nach links um die Ecke. Es wäre so schön gewesen, dachte er sich, als er genau in diesem Moment Einsatzfahrzeuge der Sicherheit vor dem Eingang des Krankenhauses mit leuchtenden Blinklichtern ankommen sah.
Ein schneller Sprint zum Hintereingang wäre wahrscheinlich seine Rettung gewesen, aber er schaute nur traurig an seinen Beinen herab. Aber nicht in diesem Zustand. Also zog er den Kopf wieder ein und fuhr in den dritten Stück hoch. Vielleicht könnte er sich irgendwo verstecken, bis die Sicherheit die Suche nach ihm erfolglos abgebrochen hatte.
Die erste Tür neben dem Fahrstuhl war der Eingang ins Treppenhaus. Als Hugo sie vorsichtig öffnete hörte er schwere Stiefel die Treppe hoch laufen.
Die zweite Tür war ein Patientenzimmer. Er öffnete leise die Tür und betrat steifbeinig einen dunklen Raum. Vom Bett her kam ein leises rhythmisches Piepen und Zischen und ein Monitor neben dem Bett spendete ein schummriges Licht. Eine gezackte Linie huschte nach links. Hugo ging auf den Kranken in seinem Bett zu. Kabel und Schläuche führten unter die Decke. Ein dicker schlauch führte von einer Beatmungsmaschine zu einem Tubus im Hals des schlecht rasierten Mannes. Komapatient.
Hugo hatte eine Idee. Er löste das Stecklaken auf einer Seite und zog den Mann mit diesem zur türabgewandten Seite Richtung Fenster vom Bett. Mit einem dumpfen Schlag landete der Patient auf dem Boden. Der Mann gab keinen Laut von sich. Hugo schaute auf den Monitor, die Werte schienen sich nicht verändert zu haben. Er zog den Komatösen noch so weit weg vom Bett, wie es die Schläuche und Anschlüsse zuließen und legte sich dann selbst ins Bett. Auf dem Flur war inzwischen das Getrampel von schweren Stiefeln zu hören und Schatten huschten am hellen Schlitz unter der Tür vorbei. Hugo versuchte still zu liegen, sein Herz zu beruhigen und langsam zu atmen.
Dann blieben Schatten vor seiner Tür stehen. Die Tür öffnete sich. Eine Taschenlampe leuchtete in den Raum rein. Sie wanderte zuerst hinter die Tür und dann auf das Bett. Zum Glück für Hugo beleuchtete der einzelne Mann, der sein Zimmer untersuchte, nicht sein Gesicht. Seine roten Haare hätten ihn sofort verraten.
Der Mann in der Uniform der Sicherheit leuchtete auf den Boden unterm Bett. Irgendetwas schien er gesehen zu haben, denn er kam näher und beugte sich herunter. Als er direkt neben dem Bett stand ging er auf die Knie und streckte Waffe und Lampe unters Bett. Er beugte seinen Kopf zur Seite um unters Bett schauen zu können. „Hugo, kommt raus! Im Krankenhaus wimmelt es von Leuten der Sicherheit, du hast keine Chance.“ Die Wache konnte jetzt den Menschen, der hinter dem Bett lag genauer betrachten und sah die Schläuche und Kabel. „Was zum…“ Er schaute auf und sah die große Faust von Hugo auf sich zu rasen.
Hugo traf den Mann mittig auf dem Kopf, etwas über der Stirn. Dadurch wurde sein Kopf nach unten geschlagen und schlug hart mit einem hellen „Plong“ auf den Metallrahmen seines Bettes. Benommen sackte der Getroffene zur Seite.
Enttäuscht schob sich Hugo auf die Bettkannte vor. Das lief nicht so, wie erwartet. Irgendwann würde der Mann aufwachen, oder er würde vermisst und von seinen Kollegen gerufen werden. Hugo stand auf und humpelte zum Fenster. Dabei stieg er vorsichtig über den Komapatienten herüber.
Drei Stockwerke unter sich sah er einen Laster rückwärts unter einer breiten Überdachung verschwinden. Die Sicherheit strömte herbei und zog den Fahrer aus seiner Kabine und untersuchte das Fahrzeug.
Das ist meine Fahrkarte nach draußen, dachte sich Hugo und humpelte durch die noch halb offen stehende Zimmertür nach draußen. Ungesehen gelangte er ins Treppenhaus und schleppte sich, halb über das Geländer gebeugt, ein Stockwerk nach unten.
Die Sicherheit war bereits fertig damit das zweite Stockwerk zu durchsuchen, denn hier war es ruhig und keine Uniformierten zu sehen. Vorsichtig schleppte sich der Rote durch den Gang und kontrollierte die Fenster im Flur. Bereits das zweite Fenster ließ sich öffnen und ein Blick nach draußen bestätigte, dass auch unter diesem Fenster das Vordach entlang lief, unter dem der Laster stand.
Hugo runzelte die Stirn, wie sollte er durch das Fenster klettern ohne seine Beine anzuwinkeln? Er legte sich mit dem Bauch auf die Fensterbank und schob sich nach draußen. Er blickte auf das Dach drei Meter unter ihm hinab. Nein, so ging es nicht. Wenn er vorwärts aus dem Fenster rutscht, würde er wohl mit dem Kopf zuerst aufkommen und sich das Genick brechen. Irgendwie musste er mit den Beinen zuerst aus dem Fenster kommen. Er zog einen Stuhl heran und stellte ihn vor die Fensterbank. Ein ausgestrecktes Bein stellte er auf die Sitzfläche und zog sich, am Fensterrahmen festhaltend nach oben. Danach stellte er sein anderes Bein auf die Fensterbank und zog sie genauso hoch. Jetzt stand er steifbeinig vor dem offenen Fenster. Hugo streckte beide Arme seitlich aus und stützte sich am Fensterrahmen ab. Er drückte mit aller Kraft nach außen um sich so im Fenster einzukeilen. Dann setzte er die Beine auf den äußeren Fenstersims. Langsam rutschte er mit den Füßen vom Fenstersims nach außen. Mit einem Ruck verloren seine Füße den Hals und er hing mit seinem ganzen Gewicht an seinen Armen, die er seitlich an die Fensterrahmen drückte. Er stöhnte laut auf und seine Muskeln zitterten. Langsam ließ er sich runter rutschen, doch schon nach wenigen Zentimetern verlor er den Halt und schlug unsanft mit seinem Hintern auf der Fensterbank auf. Schon wieder mein Arsch, dachte sich Hugo stirnrunzelnd, drehte das Becken zur Seite und rieb über seine schmerzenden Pobacken. Die Hälfte ist geschafft, dachte sich Hugo. Er saß auf der Fensterbank und seine verfluchten steifen Beine baumelten nach draußen. Als nächstes schob er seinen hintern nach vorne und drehte sich gleichzeitig nach links. Dabei hielt er sich an der Fensterbank fest. Stückweise schob er sich immer weiter aus dem Fenster heraus, seine Beine baumelten nutzlos außen an der Hauswand herab. Weiter schob er sich mit dem Oberkörper über die Kante und hing bald an seinen ausgestreckten Armen am äußeren Fenstersims. Seine Füße baumelten einen halben Meter über dem Dach. Jetzt kam der schmerzvolle Teil. Aufschieben bringt nix, dachte sich Hugo und ließ los. Stiche durchzuckten schmerzvoll seine frisch operierten Knie, als er auf dem Dach landete. Seine Knie gaben nach, doch weil sich seine Beine nicht knicken ließen, verlor er das Gleichgewicht. Er ruderte mit den Armen im Kreis, konnte aber nicht verhindern, dass er erneut schmerzvoll auf sein Hinterteil fiel.
Hugo drehte sich auf den Bauch und rutschte an die Vorderkante des Vordachs. Jetzt konnte er beobachten, wie Paletten mit einem Handhubwagen in den Laster verladen wurden. Auf den Paletten befanden sich große mit weißem Stoff abgedeckte Behälter. Scheinbar wurde Wäsche transportiert. Die Ameise machte viel Krach, als sie auf die Laderampe geschoben wurde. Hugo nutzte diese Geräuschkulisse um sich vorwärts auf das einen halben Meter unter ihm befindliche Dach des Lastwagens zu schieben. Schwer atmend lag Hugo, mit pochenden Knien und in alle Richtungen ausgestreckten Armen und Beinen auf dem glatten weiß lackierten Dach des Lasters.
Nach einer Ewigkeit des Wartens setzte sich der Lastwagen mit einem Ruckeln in Bewegung. Schon diese erste Bewegung ließen leise Zweifel an seinem Plan aufkommen, denn er rutschte gute zwanzig Zentimeter nach hinten und hatte keine Möglichkeit sich festzuhalten. Der Laster war zu breit um sich mit ausgestreckten Armen links und rechts an der Kante festzuhalten. Also drückte er die Handflächen flach auf das glatte Dacht und hoffte, dass er einen ruhigen Fahrer erwischt hatte.
Die Kontrollen am Ausgang Richtung Hafenviertel waren nur oberflächlich. Alle Wachmänner schauten zum Krankenhaus, mit den vielen Leuchtenden Blinklichtern. Als der Laster den Wachposten hinter sich ließ, bejubelte Hugo seine rutschige aber gelungene Flucht.
Der Wagen nahm Fahrt auf.
Der Jubel blieb den Roten jedoch schnell im Halse stecken, als der Laster mit hoher Geschwindigkeit um die nächste Linkskurve fuhr. Hugo rutschte immer schneller werdend unaufhaltsam nach rechts. Er versuchte seine Hände so stark es ging auf das Dach des Wagens zu drücken, vergeblich. Auch der Versuch sich zur linken Seite des Lasters zu schlängeln schlug fehl, die Fliehkraft war einfach zu stark. Auf dem Scheitelpunkt der Kurve flog Hugo im Hohen Bogen vom Fahrzeugdach.
Instinktiv krümmte er sich soweit zusammen, wie es seine Beinschienen zuließen und legte seine Arme schützend um seinen Kopf. Ein harter Aufschlag trieb ihn die Luft aus den Lungen, als hätte ihn ein Elefant getreten. Nicht, dass er schon einmal von einem Elefanten getreten wurde, aber so stellte er es sich vor. Er prallte seitlich gegen eine Mauer, Haut wurde durch kleinste Unebenheiten durchschlagen und seine Knochen vibrierten. Er prallte ab und landete mit dem Rücken auf dem Gehweg. Der Schmerz griff wie heiße Finger durch seinen Rücken und seine Rippen beschwerten sich mit Messerstichen gegen jeden Versuch Luft zu holen. Er schloss die Augen und versuchte seine Schmerzen zu verdrängen und sich nicht zu bewegen. Das warme Pochen an den Armen, das Brennen im Rücken und die Sticken in die Seite. Er konzentrierte sich aufs Atmen, nicht zu tief, nicht zu flach, ein Rhythmus, der die wenigsten Schmerzen hervor rief.
Hugo wachte auf, weil jemand an seinem Arm herum zog. Es löste sich etwas und sein Arm plumpste auf den Boden und landete mit einem dunklen Schmatzen im klebrigen getrockneten Blut. Sein Blut. Hugo stöhnte und öffnete blinzelnd die Augen. Er fragte sich, wie lange er weggetreten war. Es war noch immer dunkel, vereinzelte Straßenlaternen spendeten ein gelbliches Licht.
„Hey, feht euch das an, der Penner lebt ja noch.“ Hugo bekam einen Tritt in die Seite. Ein schmutziges und unrasiertes Gesicht schob sich in sein Sichtfeld und zeigte ein Zahnlückiges Grinsen. „Deine föne Uhr brauchft du doch ficherlich nicht mehr?!“ Er drehte Hugos Uhr vor seinem Gesicht hin und her, als wüsste er nichts damit anzufangen und betrachtete nur ein teures Schmuckstück. Hugo hatte noch fast ein Kind vor sich. Der Hunger, das Leben auf der Straße und der Dreck hatten sein Gesicht vorzeitig altern lassen.
„Pass auf Junge, der könnte gefährlich sein!“ Hörte Hugo die Stimme eines anderen Mannes außerhalb seines Blickfeldes.
Hecktisch zog der junge Mann ein Klappmesser aus der Tasche. Es rutschte ihm aus den Fingern, als er es aufklappen wollte und landete klirrend auf der Straße. „Ffeife!“ Hastig bückte sich der Junge und hob es mit einem ängstlichen Blick in die Richtung, aus der die zweite Stimme gekommen war wieder auf. Er entfaltete es und hielt es Hugo an den Hals. „Mach keine Mefien, alter.“
Unsanft wurde er unter den Armen gepackt und mit einem Schmatzenden Geräusch gegen die Mauer geschoben. So halbwegs aufrecht sitzend konnte er sehen, dass er es mit drei heruntergekommenen Straßenräubern zu tun hatte. Der Jüngste der dreien stand heruntergebeugt vor Hugo und streckte ihm das Messer entgegen. Die anderen Beiden hatten sich inzwischen wieder zurückgezogen und standen im Halbdunkeln, so dass Hugo sie nicht erkennen konnte.
„Hey, alter. Gib unf alle deine Werfachen.“ Spuckte ihn der Junge durch seine Zahnlücken entgegen. Hugo ließ den Kopf auf die Brust sinken. Der Junge drehte sich um. „Vielleicht hat er nift, er fieht auf alf wenn er auf ein Krankenwage gefallen ift.“
Der zweite Mann kam näher und Hugo sah ein dunkles bärtiges Gesicht unter einer Kapuze. Er stieß den Jungen an. „Durchsuch ihn!“
„Der ift ja voller Blut.“ Der Junge zuckte mit den Achseln. Handelte sich aber nur einen Tritt in den Hinter ein. „Aua, ich maf ja.“
Vorsichtig hob er mit zwei Fingern Hugos Krankenhaushemd hoch. „Hey, entweder der Alte hat mächtig dicke Eier, oder er verfteckt was vor unf.“ Er zeigte auf den ausgebeulten Schlüpfer und schaute sich hilfesuchend zu seinen Kumpanen um.
Um keinen weiteren Tritt einzufangen kniete er sich nieder, schlüpfte unter Hugos Hemd und fummelte an seiner Hose herum.
Warum müssen es immer hässliche Kerle sein, die da unten herumspielen, fragte sich Hugo. Er bewegte vorsichtig seinen Kopf, zog die Schultern hoch und atmete etwas tiefer. Die Schmerzen waren tatsächlich erträglich. Scheinbar hatte er unsägliches Glück gehabt und sich nichts gebrochen. Seine Arme waren voller Schürfwunden und verkrustetem Blut. Vorsichtig hob er seinen linken Arm. Gerade als der Junge bestimmten Teilen in Hugos Hose besonders nahe kam, bemerkte Hugo, dass der Junge seine rechte Hand mit dem Messer neben seinem Bein abgestützt hatte. Hugo brauchte nur zuzugreifen und könnte den Jungen, trotz seiner Verletzungen und der Beinschienen innerhalb einer Sekunde niederstrecken. Nein, er würde keine Kinder schlagen. Das hatte er noch nie getan. Er hatte sich geschworen nicht so zu werden, wie sein Vater.
Mit einem Jubelnden „Ich habf“ tauchte der Junge unter Hugos Krankenhemd wieder auf. Er sah misstrauisch auf die Brieftasche, dann zu Hugo. Legte seine Beute vor sich auf den Boden und warf sich übervorsichtig das Messer von einer Hand in die Andere. „Fiehst du das Meffer hier? Wenn du nicht willft, daf du verleft wirft…“ Er stockte, als sein Blick auf Hugos blutüberströmte Arme, bedeckt mit grünen und blauen Flecken fiel. Der Junge dachte eine Zeit lang nach. „Äh … wenn du nift noch mehr verleft werden willft…“ Er warf einen Blick zu seinen Kumpanen zurück, beugte sich ganz weit vor um Hugo die kleine aber scharfe Klinge gegen den Hals zu drücken. „Alter, war daf jetzt wirklich allef?“
Hugo wollte gerade mit dem Kopf heftig nicken, als er sich besann, dass er ein scharfes Messer an der Kehle hatte. Schöne Grüße an Markus und Bernhard, dachte sich Hugo und presste ein gegrummeltes „Ja“ heraus.
Der Junge stand zufrieden auf und gesellte sich zu den anderen. Langsam gingen sie einige Schritte weg. Dann bekam der Junge erneut einen heftigen Tritt in den Hintern. Sich das Gesäß heftig reibend kam er zu Hugo gelaufen und hob die Brieftasche auf, die er auf dem Boden vergessen hatte. Hugo schaute den drei Straßenräubern hinterher, als sie in einer dunklen Gasse verschwanden.
Langsam kroch Hugo über den schmierigen Bürgersteig zur Straßenlaterne hin. Mit all seiner Kraft zog er sich nach oben und kam schwankend zum stehen. Seine Rippen schmerzten und ein Kitzeln am rechten Arm verriet ihm, dass mindestens eine Wunde wieder aufgegangen war. Er Torkelte zur Mauer und ging, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend an der Wand entlang. Dabei stützte er sich mit beiden Händen ab.
Er war im Hafenviertel. Das war gut, denn hier kannte er sich aus. Hugo hatte sein ganzes Leben im Hafenviertel verbracht, hier wurde er geboren, hier hat er in der harten Schule der Straße sein Handwerk gelernt und hier wird er auch sterben. Aber nicht heute. Die Straßen waren eng und dreckig. Es gab niemanden der sich hier um die öffentliche Hygiene kümmerte. Es gab keine Müllabfuhr. Jeder Hausbesitzer musste sich selbst darum kümmern, dass der Müll abtransportiert wurde. Oder besser gesagt, musste dafür sorgen, dass sich der Müll nicht direkt vor seiner Haustür stapelte. Es leuchteten nur vereinzelt Straßenlaternen, die meisten waren irgendwann kaputt gegangen und wurden niemals repariert. So sah man auch den Dreck der Straße nicht. Aber auch den Menschlichen Abschaum, der nachts seine Runden drehte sah man nicht. Hugo hatte Straßenräuber immer verachtet. Das Hafenviertel wurde von Straßenräuber-Banden in Bezirke eingeteilt und es wurden Kinder aus der Gosse geholt um in diesem dreckigen Geschäft ausgebildet zu werden. Was Hugo verachtete war, dass Menschen ausgeraubt wurden, die zu den Ärmsten der Armen zählten. Wenn ihnen auch noch dieses Bisschen genommen wurde, bedeutete das meist, dass eine ganze Familie hungern musste. Hugo hatte schon zu viele hungernde Kinder gesehen.
Er kam an eine spärlich beleuchtete Kreuzung. Zwei Blöcke entfernt lag seine Wohnung, aber dahin würde er nicht gehen. Dort wartete sicherlich die Sicherheit schon auf ihn. Er schlug den Weg Richtung Hafen ein. Je dichter er dem Hafen kam, mit seinen Kneipen und Freudenhäusern, desto belebter wurde es auf den Straßen. Menschen huschten an ihm vorbei, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und ängstlich von einer- zur anderen Seite schauen. In den dunklen Ecken standen dunkle Gestalten, alleine oder in kleinen Gruppen. Nur zu erkennen durch ihre Zigaretten, die wie glühende Augen aufleuchteten. Hugo wurde nicht beachtet, keiner halft ihm, keiner sprach ihn an, aber es hielt ihn auch keiner auf. Sein Weg führte ihn zur „Silbermöwe“. Die „Silbermöwe“ war seine Stammkneipe, dort zog er sich zurück, wenn er einen Job erledigt hatte. Aber auch, wenn er keinen Job erledigt hatte, wenn ihm sein kleines Zimmer zu eng wurde und wenn er einfach mal dem regen Treiben anderer Menschen zuschauen wollte. Eigentlich saß er ständig in der „Silbermöwe“ rum.
Quietschend stieß Hugo die Tür zum Gastraum auf.
Milli, die feiste Schankfrau sah ihn und kam mit vor das Gesicht geschlagenen Händen auf ihn zu gelaufen. „Hugo, was ist denn mit dir Geschehen?“ Sie umschlang ihn mit einem Arm und stützte ihn beim Gehen. Hugo stöhnte auf. Er wollte sich ja gerne helfen lassen, aber warum musste sie dabei genau auf die Stellen drücken, die am meisten weh taten?
Sie Zog ihn in ein unordentliches Hinterzimmer und ließ ihn auf einem ungemachten Bett fallen. Hugo hielt sich mühsam aufrecht sitzend an der Bettkante. Milli betrachtete ihn von oben bis unten. „Du siehst echt scheiße aus!“ Sie betastete die Wunden an seinen Armen und hob Krankenhaushemd und T-Shirt hoch um seine Prellungen an den Rippen zu begutachten. „Das bekommen wir schon wieder hin… Warte … ich komm gleich wieder.“ Sie stand hastig auf und schritt mit wippenden Hüften Richtung Tür.
„Milli…“ stöhnte Hugo.
Die angesprochene blieb in der Tür stehen und drehte sich um, ihren kräftigen Arm an den Türrahmen gelegt.
„Milli, du brauchst nicht … du musst nicht…“, stammelte Hugo. „Meine Wunden … es ist nicht nötig … ich bin eigentlich nur hier um was abzuholen…“
„Ach halt die Klappe“, unterbrach ihn Milli und verschwand.
Kurze Zeit später tauchte sie wieder auf. In den Armen einen Dampfenden Topf mit heißem Wasser, mehr oder weniger weißen Handtüchern, Verbandszeug und einer Flasche hochprozentigem. Milli sah Hugos gierigen Blick auf die Flasche. „Mach dir keine Hoffnungen, der ist nur für deine Wunden.“ Sie lachte spöttisch.
Milli Kniete sich vor den Geschundenen Man und begann seine Wunden zu waschen und mit Alkohol abzutupfen. Hugo versuchte sich keine Schmerzen anmerken zu lassen. Irgendwie wollte er vor dieser Frau heldenhaft wirken. Aber ganz gelang es ihm nicht. Als Milli den linken Arm wusch, strich sie mit ihrem Zeigefinger über die lange Narbe am Unterarm des Kopfgeldjägers. Ihre Blicke trafen sich. Mit traurigen Augen rang sich die Frau ein gequältes Lächeln ab.
Hugo erinnerte sich. Es war jetzt schon so lange her. Damals war Milli noch schlank. Naja, so schlank, wie man eben ist, wenn man im achten Monat schwanger ist. Sie arbeitete bereits bei ihrem Mann in der „Silbermöwe“ und war gerade abends nach einem langen Tag hinter dem Tresen auf dem Weg zu ihrer kleinen Wohnung im Norden des Hafenviertels. Sie lief einfach so unwissend in eine Aktion der Sicherheit hinein. Um eine Ecke standen einige Einsatzwagen und die Sicherheit strömte in alle Richtungen aus. Es war ungewöhnlich, dass sich die Sicherheit hier im Hafenviertel blicken ließ, aber manchmal passierte das eben, da war es das Beste sich so weit wie möglich aus dem Staub zu machen, denn Sicherheit bedeutete mit Sicherheit nie etwas Gutes. Sie war gerade dabei sich umzudrehen und zu verschwinden, als sie unsanft an der Schulter gepackt wurde. Sie wollte nicht von der Sicherheit abgeführt werden. Die Sicherheit wandte aber schnell unnötige Gewalt an und begann auf Milli einzuknüppeln. Für die bis zu diesem Zeitpunkt lebensfrohe junge Frau begann die Welt einzustürzen. Die Wehen setzten ein, viel zu früh und sie wälzte sich von Krämpfen geschüttelt einsam in der dreckigen Gosse. Sie flehte eine Ewigkeit um Hilfe und bekam diese in Form eines Arztes der Sicherheit. Sie schleppten die Frau in ein Einsatzfahrzeug der Sicherheit, das bereit vollgestopft war mit anderen schwangeren Frauen. Zu ihren Füßen gebar Milli ihr Kind. Was der schönste Augenblick ihres Lebens sein sollte, wurde zum Schrecklichsten. Das Kind wurde ihr weggenommen und Milli mit einem Fußtritt aus dem Fahrzeug befördert. Hugo war zur gleichen Zeit am gleichen Ort, er wusste nicht mehr, was ihn genau zu dieser Zeit hierher geführt hatte, aber er bekam noch mit, dass Milli, völlig entkräftet mit Händen und Füßen an den Einsatzwagen schlug um ihr Kind zurück zu bekommen. Ihre Kleidung war blutüberströmt, ihr eigenes Blut. Sie wollte entweder ihr Kind zurück bekommen oder sterben, und dabei wollte ihr die Sicherheit helfen, denn sie schlugen erneut auf die verzweifelte Frau ein. Hugo, der bisher unbeteiligt am Rand des Geschehens stand, konnte sich nicht mehr zurück halten. Er kannte Milli aus der „Silbermöwe“. Der Kopfgeldjäger wütete in der Sicherheit und streckte sie nacheinander mit Fäusten und Ellenbogen nieder. Er konnte das Kind nicht befreien. Aber die Mutter, das zusammengesunkene Häufchen Elend, zerflossen in Verzweiflung und eigenen Tränen, nahm er auf seine Arme und rette ihr das Leben. Auf seiner Flucht wurde er von der Sicherheit beschossen, ein Schuss riss ihm den Unterarm auf.
Als Milli fertig war den geschundenen Körper des Kopfgeldjägers zu versorgen legte sie ihn sanft ins Bett und deckte ihn bis zum Kinn zu. Die Bettwäsche roch betäubend nach dem Schweiß der Schankfrau, gemischt mit billigem Parfüm. „Schlaf jetzt.“ Sie strich ihm über die Wange. „Ich muss wieder nach vorne.“
„Milli.“
Die Angesprochene war schon auf dem Weg nach draußen, blieb aber stehen und schaute zurück.
„Danke.“
Als Hugo erwachte dauerte es eine Zeit, bis er sich orientiert hatte. Was passiert war, daran erinnerte er sich schmerzhaft, als er die erste Bewegung machte. Als er die Decke beiseiteschob bemerkte er, dass Milli ihn ausgezogen hatte, nur die Kniestützen trug er noch. Es gab schlimmeres. Er setzte sich auf die Bettkante. Sein Körper schmerzte noch immer überall, aber wenigstens konnte er sich wieder halbwegs normal bewegen. Ein kleiner Wecker auf dem Nachttisch zeigte 4 Uhr. Weil dieses kleine Hinterzimmer kein Fenster hatte, wusste Hugo nicht, ob es 4 Uhr Nachmittag oder morgens war. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ein Haufen Wäsche. Es war sicherlich Kleidung von Millis Mann. Vorsichtig zog sich Hugo die fremde Kleidung an. Sie war zwar etwas zu klein, aber die Hose war weit genug um die Konstruktionen an seinen Beinen halbwegs zu verbergen.
Im Badezimmer lüftete sich das Geheimnis um die Uhrzeit, die Sonne schien hell durch ein trübes Fenster. Es war Nachmittag. Hugo rasierte sich seine roten Haare und den Bart ab. Im Spiegel erkannte er sich kaum wieder. Die Sicherheit hoffentlich auch nicht.
Im Gastraum war kein Betrieb. Milli wusch Gläser ab und sortierte Flaschen ein, als sie Hugo sah.
„Milli, ich brauche die kleine Kiste, die ich dir zum Aufbewahren gegeben habe.“
Milli schaute ihn etwas überrascht an und nickte. Hugo folgte ihr ins Hinterzimmer. Sie zog eine hölzerne Kiste aus der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks und reichte sie Hugo. „Willst du dich nicht noch etwas ausruhen?“, fragte sie besorgt.
„Mir geht es schon wieder gut“, log Hugo. „Ich muss nur noch diese eine Sache erledigen, dann kann ich mich ausruhen, solange ich will.“
„Was ist das für eine Sache?“, fragte Milli. Aber Hugo hatte ihr noch nie von seinen Aufträgen erzählt und tat es auch diesmal nicht. Klemmte sich die Holzkiste unter den Arm, legte Milli zum Abschied kurz die Hand auf die Schulter und verließ das Lokal.
Hugo ging nach Norden.
Hier im Hafenviertel gab es keinen öffentlichen Nahverkehr. Er holte ein kleines Bündel Geldscheine aus der Kiste und benutzte es um sich auf seinem Weg mit Ausrüstung und Proviant auszustatten. Richtige Geschäfte gab es nicht in Hafenviertel, aber es standen Händler mit Bauchläden oder Schubkarren überall herum. Das Sortiment reichte von gegrillten Nagetieren bis zu gestohlener Ausrüstung der Sicherheit. Wobei letzteres natürlich nicht offen gezeigt wurde, sondern nur unter der Hand zu bekommen war.
Er kam an der nordöstlichen Kante der Stadt an, einige der wenigen Stellen, an denen eine Treppe in den Wald herunter führte. Im Osten lag glitzernd und still die offene See, im Norden und Westen erstreckte sich der Wald. Wenn er der Abbruchkante folgte, würde er in am Abend an die Stelle gelangen, an der er die Kinder vor einigen Tage verloren hatte.
Hugo stieg über die rostige Kette und ging vorsichtig und steifbeinig die zerbrochenen und moosigen Stufen hinab. Auf halber Strecke blieb er stehen und schaute in den Wald. Er wollte gerade weiter gehen, als er meinte etwas zwischen den Bäumen zu erkennen. Dort lag, etwa zweihundert Meter entfernt, etwas oder jemand auf dem Boden. Er war jedoch zu weit weg um es genau erkennen zu können. Also ging er die Stufen ganz hinab und näherte sich langsam.
Als er halb erreicht hatte, was er untersuchen wollte, erkannte er, um was es sich handelte. Hugo schaute in die Funkelnden Augen eines Wolfshundes. Unter den gefletschten Zähnen des Raubtieres lag unbeweglich ein Kind auf dem Boden. Hugo öffnete langsam die Holzkiste und holte eine Waffe heraus.
07/16/09
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